Flüchtende in der Mediendemokratie

Es ist ein Trauerspiel: Da protestieren seit Monaten nach Deutschland Geflüchtete, die unter unglaublichen Bedingungen leben müssen (siehe hier) und die Medien halten sich zurück mit der Berichterstattung. Zurückhaltend drückt aus, dass es durchaus welche gibt, aber eben nur am Rand. So nebenbei. Genauso nebenbei, wie wir mit den Menschen umgehen, die aus ihrem Land geflohen sind und denen wir ein würdiges Menschen verweigern. So wie Hamid, der im Iran in der Opposition kämpfte. Es ist schon eine Ironie, wenn auch konsequent, dass wir denen das Leben hier zur Hölle machen, die aus ihrem Land vor den Waffen flüchten mussten, die Deutschland dorthin verkauft hat. Das allein ist eigentlich schon ein Thema, was die Medien beschäftigen sollte. Doch Mahnwachen, Protestmarsch, Hungerstreik und eine Demonstration auf dem Touristenhighlight Pariser Platz (inklusive Polizeigewalt) waren immer noch nicht genug, als dass die Medien sichtbar darüber berichtet hätten. Warum eigentlich? Und wie kam es nun zu den Berichten in den letzten Tagen?

Um mal mit der Definition eines ZDF-Redaktuers zu arbeiten: Relevanz, Betroffenheit, Prominenz scheinen die Kriterien der Mediendemokratie zu sein. Bis Samstag schienen die Proteste der Flüchtenden diese Kriterien nicht zu erfüllen.

Relevanz ist natürlich immer subjektiv und abhängig von der eigenen Position (dazu: http://klinkhart.wordpress.com/2012/10/29/mein-sohn-ist-anders/) Also wie sieht die Relevanz für das Öffentlich-Rechtliche aus? Irgendwo zwischen Bildungsauftrag und ungefähr 100 Millionen deutschsprachiger Menschen lässt sich diese Relevanzblase ansiedeln. Und laut Aussage des ZDF gehörte der Protest der Flüchtenden gegen grundgesetzwidrige Politik zunächst nicht dazu. Relevant ist nur, was viele betroffen macht. Dabei sind Sätze wie „Ich will nicht mehr im Lager leben.“  voller Betroffenheit und sollten jeden Menschen berühren. Welchen Schikanen sind die Flüchtenden ausgesetzt, dass sie diese Strapazen auf sich nehmen? Hier spricht pure Verzweiflung – eigentlich ein Renner in den Medien. Allein die deutsche Mehrheitsgesellschaft scheint sich davon nicht betreffen zu lassen. (Selbst Vertriebenenkönigin Erika Steinbach weigert sich das Leid der auf Grund unserer Kriege Vertriebenen anzuerkennen)  Doch auch dieses Kriterium scheint der Protestmarsch bis zum letzten Wochenende nicht erfüllt zu haben. Als Erklärung muss hier Rassismus angeführt werden. (Genutzte Definition: Stereoytypisierung anhand vermeintlicher menschlicher Rassen, plus das Abwerten von nicht-christlich-weißer Europäer.)

Relevanz und Betroffenheit für ein mehrheitlich bio-deutsches Publikum zeigt sich in den Milchpreisen oder wenn ein Mensch einen Hund beißt. (Beispiele wurden hier entliehen: https://hanhaiwen.wordpress.com/2012/10/29/die-relevanzblase-im-zdf-weis-deutsch-mannlich-und-cisgender/#comment-716) Ein Resultat einer von Rassismus durchzogenen Gesellschaft ist, wenn echtes menschliches Leid nicht betroffen macht, weil es scheinbar zahlreiche Gründe gibt kein Mitleid zu haben. Sprüche wie “Die müssen doch nicht protestieren!” – “Die können doch auch wieder zurück!” – “Die wollen sich doch eh nicht integrieren” – “Deutschland kann ja nicht jeden einfach aufnehmen ….” trainieren uns die Empathie für Flüchtende ab, machen uns so kalt, so dass wir hungernden Menschen dabei zusehen, wie sie erfolglos gegen den Staat opponieren.

Und so wundert der Umgang mit den Flüchtenden in den Medien kaum, fordert er doch die Mehrheitsmeinung heraus. Denn die Mehrheit des bio-deutschen Publikums assoziiert mit Flüchtenden all das Negative, was ihre Provinzköpfe und die Medien so aufzuwarten haben. Denn wenn Flüchtende mal straffällig werden (was angesichts der Tatsache, dass sie gesetzlich *nichts* dürfen, nicht sonderlich schwer ist) ist das plötzlich relevant. Das Durchbrechen der verfestigten Stereotype – z.B. in dem Flüchtende dargestellt werden, die für Freiheit kämpfen, die keine Opfer und Bittsteller sein wollen, die einfach nur freundlich behandelt werden möchten – ist für die Mehrheit des deutschen Publikums jedoch nicht so selbstbefredigend, wie das Erregen über vermeintlich kriminelle “Ausländer”, die es regelmäßig in die Zeitung schaffen. (Hier direkt von heute morgen: http://www.tagesspiegel.de/politik/terrorvorwurf-mutmasslicher-islamist-am-muenchener-flughafen-festgenommen/7325946.html) Es ist ein Teufelskreis: Die Medien bedienen die Ressentiments, weil sie ihr Publikum bedienen wollen und verfestigen dadurch die Ressentiments.

Mit der Polizei fange ich gar nicht erst an – die Farce um den NSU ist dabei nur der Höhepunkt einer rassistischen Tradition in deutschen Sicherheitsinstitutionen. (Beispiel von gestern Nacht: https://twitter.com/cyanobakterium/status/263414736002105345)

Dass die Medien (auch wenn dies eine nicht ganz zulässige Generalisierung ist) diese Themenkomplexe unterbelichtet lassen, ist hierbei nur symptomatisch. Ein schreckliches Wechselspiel aus institutonalisiertem Rassismus und fatalem Rechtstaatsglauben auf Kosten von Menschen, die aus ihrer Heimat vor Krieg fliehen mussten.

Doch mit dieser Situation wollten und wollen sich viele Menschen nicht zufriedengeben. An vorderster Front die Flüchtenden selbst, die von einer Solidaritätswelle vor Ort und vor allem in den sozialen Medien begleitet werden. (Twitter: #refugeecamp) Der Protest am Brandenburger Tor ist in den letzten Tagen auf Twitter zum Ereignis geworden – inklusive Mobilisierung (Hilfegsuch, Nachtschichtenvergabe, Organisation). Die Gegenöffentlichkeit wird aktiv, der direkte Kontakt mit Medien und ihren Vertretern gesucht. Twitter funktioniert als Katalysator für eine empörte Menschenmasse in ganz Deutschland. Doch noch am Sonntag ist die Reaktion der Medien weiterhin verhalten. Die Relevanzkriterien sind nicht erfüllt. Es fehlt die Prominenz.

Doch die zeigt sich im Laufe des Sonntags solidarisch. Abgeordnete aus Bundestag und Abgeordnetenhaus (Grüne, Linke und Piraten) sowie andere Menschen mit großer Reichweite kündigen ihr Erscheinen an und äußern sich kritisch zu der Situation. Inmitten dieser Ereignisse platzieren ein paar Piratinnen geschickt die Ankündigung am Montag um 13:00 blank zu ziehen. Die Journalisten – Femen im Blick – kündigen zahlreich ihr Kommen an. Die BILD leckt sich die Finger. Doch statt barer Brust empfängt sie eine wütende Horde Menschen, die skandiert “sex sells. human rights are not for sale” – die Ankündigung war ein Streich der Aktivist*innen, die auf T-Shirts “Menschrechte statt Titten” stehen haben. Am Abend behauptet der BILD-Journalist Blome bei Phönix, dass die jungen Frauen lügen würden. Diese geben in ihrem Blog nämlich an, dass es sich um eine Reaktion auf das Angebot eines BILD-Journalisten handele, der sein Erscheinen von blanken Brüsten abhängig machen wollte. Dass die BILD nicht über den Vorfall berichtetet ist jedoch ein Zeichen, dass sie auf den Trick reinfiel.

Das Presseecho in diesen Tagen ist jedoch erstaunlich konzentriert auf die Flüchtenden und ihre Geschichten. Der Wirbel um das Camp, die Polizeigewalt und die Brüste hat auf Twitter eine unglaubliche Dynamik freigesetzt. Gestern waren bis zu 200 Leute am Brandenburger Tor mit den Flüchtenden. All das macht es den Flüchtenden wohl nicht leichter und trotzdem dient es ihrem Anliegen viele Menschen auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Nur so lässt sich Druck ausüben auf die Politik. Die gezielte Medienschelte der Aktivist*innen mag vielleicht sogar dazu geführt haben, dass sich einige Journalisten herausgefordert fühlten. Soweit so gut. Jedoch was nützt es?

All das ändert nichts an der Polizeigewalt – vor allem in der Nacht, wenn die Politprominenz nicht vor Ort ist; nichts an der unmenschlichen Asylpolitik, die seit Jahrzehnten Menschen leiden lässt; nichts an der Gleichgültigkeit der Bevölkerung, nichts am Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, nichts an den Sachzwängen, die viele Menschen feige weggucken lassen. Viele sitzen hilflos vor ihren Computern, starren auf den Stream und versuchen sich einzubringen. An ihnen wird die ganze Kälte der modernen Gesellschaft deutlich, an ihnen, die Kilometer entfernt im Warmen sitzen und depressiv dabei zusehen, wie die Polizei Flüchtende schikaniert. Dass die Lage der Flüchtlinge sich in den nächsten Monaten nicht ändern wird ist absehbar, traurig und entwertet die eigene Leidenschaft für den Zweck ungemein – wozu denn das Ganze, wenn sich doch nichts ändert? Wozu mich aufreiben, wenn sie doch wieder das gleiche Schicksal ereilt. Wozu engagieren, wenn die Menschen nach kurzer Zeit das Interesse verlieren? Gerade Massen sind schwer bei Laune zu halten.

Deswegen ist Aufmerksamkeit gut und wichtig (und man sollte auch mal ein Auge zudrücken, wenn es dabei etwas drunter und drüber geht, wie es im Fall der #tits4humanrights wohl der Fall war), ändert aber nur etwas an den Gesetzen, wenn sich viele Menschen erheben und protestieren. Die CDU wird jeden Vorstoß in die Richtung sabotieren und die Polizei gewinnt sogar noch an Ansehen durch ihr hartes Durchgreifen bei einer Mehrheitsgesellschaft, die Sarrazin als einen Tabubrecher feiert. Gleichzeitig wird menschenverachtender Dreck von der Polizei geschützt. Und natürlich: Den Aktivist*innen, die Twitter nutzen, um auf die Situation aufmerksam zu machen wird Mediengeilheit vorgeworfen und dass kaum jemand glaubte, dass die tits4humanrights-Aktivist*innen bluffen spricht auch Bände.

Auf Twitter selbst offenbart sich in der totalen Gleichzeitigkeit der Dinge gnadenlos die Absurdität der Verhältnisse im 21. Jahrhundert: Denn während eine Polizeiattacke virtuell verfolgt werden kann, unterhalten sich andere über Fußcreme. Empörung wird so zu Entsetzen und Verzweiflung an der eigenen Situation im System. Das endet schnell in Druck auf Außenstehende sich den Protesten so bedingungslos hinzugeben, wie es die Flüchtenden und Aktivist*innen vor Ort tun.

Denn was wäre, wenn plötzlich 10.000 Menschen am Brandenburger Tor stünden?

Auch das würde diese Gesellschaft aussitzen. 16 Jahre Kohl hinterlassen Spuren. Es ist ein Trauerspiel. Und am Ende gewinnen die Bösen. So wie das halt ist, in der Mediendemokratie.

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One comment on “Flüchtende in der Mediendemokratie

  1. […] Mediendemokratischerverfall “Flüchtende in der Mediendemokratie” […]

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